Digital-Journal: Ihr persönliches Denkarium

Vom Reisejournal über das Gartenbauprojekt bis zum Lerntagebuch

Denkarium – in den Harry-Potter-Romanen bewahrte man in dieser magischen Schale frühere Erfahrungen auf, um den Kopf frei zu bekommen – und um sich bei passender Gelegenheit möglichst präzise zu erinnern.
Texte, Orte, Bilder, Töne – gerade die digitalen Varianten eines Journals bieten viele Möglichkeiten, die man sehr einfach nutzen kann. Oft genügt bereits ein kurzer Eintrag, um später eine Erinnerung wieder lebendig werden zu lassen.

Erinnerungen sind eine komplexe Angelegenheit. Sie sind flüchtig – und sehr leicht manipulierbar. Bekannt sind hier die Experimente der Kriminologin Julia Shaw: Probanden konnten überraschend einfach von erfundenen Kindheitserinnerungen überzeugt werden. Wir täuschen und schnell und oft, wenn wir nachträglich einen Aufwand bewerten sollen, Geschehnisse aus der Vergangenheit werden verklärt usw. Vor allem aber: Wichtige Erfahrungen verschwimmen, werden zu einem unbestimmten Gefühl – und oft ganz vergessen.

Es gibt viele Ereignisse, die sich für eine etwas systematischere Aufzeichnung eignen: Ein Reisetagebuch für einen besonderen Urlaub, das „Garten-Hochbeet-Projekt“ mit allen Höhen und Tiefen, die ersten Wochen im neuen Haus – wozu immer man Lust hat. Ein Bleistift und ein Notizbuch genügen eigentlich, aber uns interessieren die Vorteile von Anwendungen auf Smartphone und Desktop.

Diarium – eine Journal-Anwendung für alle Systeme

Es gibt viele Apps, die sich auf die Erfassung von Tagebuch-Notizen konzentrieren. Besonders bekannt ist die wirklich gut umgesetzte App „Day One“, die es allerdings nur für Mac und iOS gibt. Auch sind die Abo-Gebühren nicht unbedingt günstig. Gerade für den Journal-Bereich ist es aber wichtig, dass sich Notizen über alle Plattformen synchronisieren lassen. So nimmt man beispielsweise tagsüber ein rasches Foto mit seinem (Android- oder iOS-)Smartphone auf oder notiert einige kurze Stichworte; am Abend ergänzt man den Eintrag mit der bequemen Tastatur eines Desktop-Computers usw. Und da es sich um sehr persönliche Inhalte handelt, sollte auch ein sicherer Übertragungsweg vorhanden sein. Diese Bedingungen sind erfüllt in der App „Diarium“ von Timo Parl aus Stuttgart: Mac, Windows, iOS und Android werden bedient, die Einmalgebühr von 5 – 6 Euro je Plattform ist sehr moderat, der Entwickler kümmert sich seit Jahren gut um die App. Und: Man kann auf Wunsch sogar die Daten via WebDAV z. B. über seine Nextcloud synchronisieren. Schauen wir uns die Funktionen einmal näher an.

Kalender und Listen

Gerade bei einem Journal denken wir vor allem in Zeitkategorien: „Weißt Du noch? Unser Urlaub im Herbst 2016!“ Daher gibt es die gewohnte Kalenderansicht, durch die man rasch scrollen kann. Sofern in der Notiz Fotos vorhanden sind, wird jeweils eins über den betreffenden Tag gelegt. Jeder Tag kann beliebig viele Einträge aufnehmen.

Kalenderansicht

Alternativ gibt es die Darstellungsform einer Liste. Neben dem Vorschaubild ist hier auch der Beginn der Textnotiz (einschließlich der vergebenen Tags) zu sehen. Die Art der Darstellung lässt sich in den Einstellungen etwas anpassen/reduzieren.

Listenansicht

Die (Land-)Kartenansicht

Neben der zeitlichen Einordnung orientiert sich unsere Erinnerung vor allem auch an Orten: „Die Tagung damals in Hamburg.“ „Der Urlaub in London.“ Diarium stellt daher eine Kartenansicht zur Verfügung, mit der man rasch die entsprechenden Einträge findet. Bei der Vergrößerung eines Kartenabschnitts werden immer mehr Einzel-Notizen sichtbar.

Kartenansicht

Die GPS-Angaben werden automatisch dem Foto entnommen, man kann aber auch selbst innerhalb der Notiz eine „Nadel“ auf der Karte verschieben und so einen anderen Ort zuordnen.

Der Eintrag

Der Editor ist momentan sehr einfach gehalten: „Text pur“ ist das Motto. Allerdings will der Entwickler in der nächsten Zeit hier zusätzliche Funktionen einbauen – Markdown wäre eine feine Sache. Dafür kann man beliebig lange Texte schreiben und sich auf den Inhalt konzentrieren.

Editor

Die Notiz kann sehr einfach ergänzt werden mit Fotos, Videos, Sprachaufnahmen usw. Sogar Dokumente können angefügt werden. Wetter und Standort werden automatisch ermittelt. Weiterhin lassen sich Vorlagen mit Stichpunkten oder Fragevorgaben („Was war heute ein schönes Erlebnis?“) erstellen, so dass man unkompliziert einen neuen Eintrag erstellen kann.

Vorlagen

Sync und andere Einstellungen

Eine Besonderheit unter den Journal-Apps sind die zahlreichen Sync-Möglichkeiten. Ob Dropbox, Google Drive oder OneDrive – die Daten werden jeweils verschlüsselt in einem Ordner angelegt. Man kann die Synchronisation aber auch deaktivieren, damit alle Notizen auf dem Gerät verbleiben.

Für viele wird es wichtig sein, eine eigene Cloud oder einen Serverstandort in Deutschland für die Daten nutzen zu können. Durch die Option „WebDAV“ kann man sehr einfach z. B. Nextcloud einbinden, was für viele Anwender interessant sein dürfte.

Cloud-Dienste

Ebenfalls einstellbar:

  • Viele Dienste lassen sich mit Diarium verknüpfen: Systemkalender, Wetter, Twitter, Facebook, MS-ToDo, Instagram usw.
  • Erinnerungen/Benachrichtigungen lassen sich aktivieren („Heute schon einen Eintrag verfasst?“).
  • Farben, Fonts und andere Design-Eigenschaften.
  • Passwortschutz bzw. Schutz durch biometrische Daten.
  • Import- und Export-Möglichkeiten.

Daten aus anderen Journal-Apps können sehr einfach übernommen werden. Und falls man später einmal auf ein anderes Programm umsteigen möchte, so kann man die Datenbank (SQLite) exportieren.

Alternativ kann eine einfach formatierte Word-Datei erzeugt werden, so dass man alle – oder ausgewählte – Einträge auf einen Blick vor sich hat.

Fazit

Diarium hat umfangreiche Funktionen, funktioniert auf allen Plattformen und hat einen Entwickler, der auf Anfragen sehr schnell reagiert. Zugleich werden die Daten sicher übertragen und man kann jederzeit auf ein anderes System wechseln.

Wünschen würde ich mir noch Verbesserungen am Editor und – unter iOS – eine Verknüpfung mit Kurzbefehlen bzw. Siri. Nett wäre auch noch, wenn man gleichzeitig mehrere Tagebücher führen könnte. Das klappt zwar auch jetzt durch die Vergabe von Tags, aber eine deutlichere Trennung wäre gut.

Eine gute Alternative ist noch „Journey Diary & Journal App“, die sehr ähnlich aufgebaut ist. Funktioniert ebenfalls auf allen Systemen und via Einmalzahlung (ca. 10 Euro je Plattform). Der Editor beherrscht auch Markdown und iOS-Kurzbefehle können genutzt werden. Allerdings geschieht der Sync nur über Google Drive. Trotzdem auch einen Blick wert.

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